Entdeckungen auf der Heimfahrt

17. September 2002

Die Fahrt zurück zur Fähre nach Kristiansand sollte wie alle Jahre verlaufen: Die Stopps in Valle und Evje galten diversen Besorgungen, den Rest des Tages wollten wir mit kleinen Abstechern in unbekanntes Terrain ausfüllen.

Ihr „Andenken“ an die Reise kaufte sich Gudrun diesmal nicht bei Torleiv H. Bjørgums Silberschmiede in Nomeland, sondern in der „Hasla Setesdalsylv“ neben der Tankstelle in Valle. Nach der langwierigen Auswahl, einer ordentlichen Beratung und dem Kauf verließen wir endgültig Valle. Endgültig für dieses Jahr!

Am Storestraumen, dort wo die E9 vom Westufer der Otra zum Ostufer wechselt, verließen wir die Hauptstraße und fuhren westlich des Byglandsfjord auf der Parallelstraße weiter. Die Straße ist schmaler, aber alles in allem gut befahrbar. Nur die grelle Sonne blendete in manchen Streckenabschnitten, so dass ich mich mehr als gewollt aufs Fahren konzentrieren musste. Dennoch bekam ich viel von der einsamen und schönen Gegend auf diese Seite des Byglandfjordes mit. Der erste Teil der Strecke schien endlos. Erst nach vielen Kilometern kamen wir zum ersten Mal an einem Haus vorbei. Noch später kamen wir an eine herrliche Badebucht, die in der Ferienzeit bestimmt sehr gut besucht sein wird. Die erste Möglichkeit, wieder ans andere Ufer zu gelangen, bestand an der Senum-Brücke gegenüber von Byglandsfjord. Wir blieben auf der Westseite und fuhren weiter nach Evje. Einige Kilometer dieses Straßenabschnittes haben Schotterbelag, der aber meist so fest und glatt war, dass wir zügig fahren konnten.

In Evje kauften wir als erstes Brot. Wir waren entsetzt, dass wir das letzte Mohnbrot bekamen. Dabei war es gerade erst Mittag. Da wir unbedingt zwei Brote mitnehmen wollten, kauften wir stattdessen noch ein Rosinenbrot. Als wir am Abend beim Warten auf die Fähre davon kosteten, wollten wir nicht aufhören zu essen. Es schmeckte hitverdächtig gut!

Nachdem wir in Evjes Supermärkten alles eingekauft, der Touristinformation einen kurzen Besuch abgestattet und die Schaufenster aller anderer Läden inspiziert hatten, stiegen wir hinauf ins „Pernille Kafe“, das sich überm Supermarkt befindet. Endlich wollten wir wieder einmal norwegische Gastronomie erkunden. Zum Glück hatten wir zuvor die Preise eines „richtigen“ Restaurants studiert, die erwartungsgemäß astronomisch und nicht gastronomisch waren. Die Preise hier im „Pernille Kafe“ waren moderater und ließen das Wagnis eines Besuches zu. Wir kauften uns die Tagessuppe am Buffet. Heute war das eine cremige Fischsuppe, die ähnlich wie die Tiefkühlsuppen schmeckte, die wir einmal pro Norwegenreise kaufen und kochen. Die Suppe und auch das dazu gereichte Brot schmeckten gut. Da wir einigermaßen satt wurden, konnten wir uns mit dem Preis von 39 NOK (ca. 5.30 €) arrangieren.

Bild: Runenstein   Unser nächstes Ziel war eine alte Grabanlage in Verksmoen. Wir brauchten zwei Anläufe bis wir das Grabfeld fanden. Es liegt in unmittelbarer Nähe der Nickelgrube, die man an der ersten Abzweigung südlich der Tankstellen erreicht. Wir hielten es nicht für möglich, dass die alten Gräber so nahe an einem Fabrikgelände liegen könnten. Durch einen Bericht im „Setesdolen“ - der Regionalzeitung des Setesdal – sind wir an die Grabanlagen erinnert worden. Die Zeitung berichtete über die kürzliche Enthüllung der Kopie eines Runensteines an jener Stelle. Das Gelände vor den Grabhügeln sieht überhaupt nicht einladend aus. Beim ersten Hinsehen glaubten wir, der große Platz davor ist von dunkelgrauer Asche zugeweht. Doch beim genaueren Hinsehen war es „nur“ von der Nickelgrube stammender dunkler kristalliner Grus und Kies. Das eigentliche Gräberfeld gibt optisch nichts her. Auch der Runenstein steht ziemlich verlassen da. Der Platz war eigenartig eingezäunt. Fast so als sollte niemand da hin kommen. Um auf den frisch angelegten hellen Kieswegen gehen zu können, muss der Besucher diese Absperrung übersteigen, um sich den Stein und die Erläuterungstafeln ansehen zu können. Uns gefiel in erster Linie der Blick auf die Otra, die breit wie ein See vom Zentrum geflossen kommt und unterhalb unseres Standplatzes über ein künstliches Wehr rauscht.

Bei dem Gräberfeld handelt es sich um das größte und älteste im Setesdal. Die meisten Gräber entstanden etwa zwischen 350 und 550 nach Christi, die ältesten Grabhügel allerdings bereits in der römischen Eisenzeit um 200 nach Christi. Das klingt alles mächtig gewaltig, doch interessant anzuschauen ist es nicht.

Am Kilefjord bogen wir von der E9 ab und fuhren auf der Rv403 bis kurz vor Iveland. Linkerhand der Straße beginnt ein Pfad hinauf aufs Slottbakkfjellet. Dort sind Reste einer Wallburg erkennbar. Wir glaubten, dass ein leichter Spaziergang genau das Richtige auf den Nachmittag hin ist. Anfänglich war der Weg breit und gut ausgebaut. Nach wenigen Metern überquert man auf einer großen Holzbrücke einen Fluss. Da in der Mitte des Tales ein Felsen einer geraden Verbindung der beiden Ufer im Wege stand, hat man die Brücke winklig gebaut. Dadurch wurde diese Passage sehr reizvoll. Bald hinter der Brücke kommt man aus dem Wald auf eine Moorwiese. Der Weg wurde zu einem kaum sichtbaren Trampelpfad. Wir bekamen ein paar Bedenken weiterzugehen, denn wir wollten unsere Hosen auch noch auf dem Schiff tragen. Auf Trittsicherheit achtend, kamen wir „unbefleckt“ auf die andere Seite der Wiese. Nun ging es trockenen Fußes durch den Wald hinauf aufs Slottbakkfjellet. Mit einem weiten offenen Fjell hat man es hierbei nicht zu tun. Das Slottbakkfjellet ist ein baumbestandener abgeflachter Felsklotz, auf dem anhand von Erdwällen eine alte Wallburg zu erkennen sein soll. Vielleicht für Historiker, Archäologen oder Geologen, aber nicht für uns! Das Schöne des Platzes war für uns die steile Wand auf der Ostseite, von deren Kante über die Wipfel der Bäume unter uns und den See hinweg die Kirche und einige Häuser von Iveland zu sehen waren. Eine Tafel teilte dem Wanderer mit, dass er sich jetzt 290 Meter über dem Meeresspiegel befindet.

Sich zu verfahren, hat auch gute Seiten. Auf dem Weg nach Vennesla benutzten wir eine Nebenstrecke über Röyknes. In einer niedlichen Siedlung an einem Stausee bog ich falsch ab und geriet in ein Wohngebiet, was so schön gelegen war, dass wir am liebsten auf der Stelle ein Grundstück gekauft hätten. Die ganze Gegend ist voller Stauseen. An einem machten wir eine kleine Pause und maßen mit der Hand die Wassertemperatur. Wir wollten wissen, wie hart zwei alte Leutchen wirklich waren, die hundert Meter weiter rechts ins Wasser stiegen und schwammen. Erwartungsgemäß war unsere „Hand“messung zu wenig objektiv, als dass wir das schwimmende Paar hätten bewundern können.

Danach waren wir bald in Vennesla. Vennesla, nicht weit von Kristiansand entfernt, wirkt durch ein großes Einkaufszentrum und die großen Mehrfamilienhäuser fast städtisch. Jetzt um Vier erst recht, weil viele von Arbeit nach Hause kamen und hektisches Treiben herrschte. Wir fuhren ein kleines Stück nach Norden, um uns einen alten Bahnhof anzusehen, der als Museum an den Straßen angekündigt wurde. Doch auch hier war es wie bei vielen anderen Sehenswürdigkeiten in Norwegen: Es war geschlossen. Lediglich von der Schalterhalle bekamen wir durchs Fenster einen Eindruck. Für eingefleischte Eisenbahnfans lohnt sich ein Besuch bestimmt. Wir fuhren bald weiter nach Kristiansand. Dort waren wir nach Torleivs Ankündigung nicht mehr überrascht, als wir kurz vorm großen Kreisel am Hafen auf der E9 zehn Kronen Maut bezahlen mussten. Glücklicherweise hatten wir passendes Geld, um unseren Obulus ins Körbchen werfen zu können. Wie man durchkommt, wenn man nur Scheine hat, wissen wir nicht. Die Mautstelle war unbesetzt.

Auf dem Schiff lasen wir. Als wir uns wie üblich gegen 22 Uhr das Showprogramm ansehen wollten, war das zu Gunsten eines Fußball-Europacup-Spieles, das auf einer großen Leinwand übertragen wurde, abgesagt. Wir waren pünktlich in Dänemark, tankten in Brønderslev und kamen zügig heimwärts. Der Alltag holte uns dann schneller ein, als wir wollten. Wir glaubten uns fast schon im Bett, als morgens halb Fünf alle Ampeln vorm Elbtunnel auf Rot standen. Vollsperrung nach Süden! Alle Zeit, die wir durch zügiges Fahren gut gemacht hatten, war dahin.